Montag, 16. April 2012

stadtpark


als stadtkind kannte ich keinen
garten
jetzt, da ich groß bin, habe ich einen
und hänge nistkästen auf
dort brütet die hoffnung etwas aus.

im garten wächst zukunft
mein kirschbaum ist jung
seine zweige biegen sich unter blüten
wie nur soll er die früchte tragen?
im april droht schon der sommer
und der juli fürchtet den herbst

als kind sprang ich mühelos
aus staubiger hitze hinein
in den park
umrieselt vom klang der großen fontäne
umlaubt vom schatten hundertjähriger bäume

wohnung und freistätte
umgrenzt von niedrigem geländer
auf dem ich balancierte wie eine
seiltänzerin und wenn ich abstürzte
fiel ich auf den rasenteppich der war ausgerollt
mir zu ehren und verziert mit eingewebten sonnentupfen

der müllbehälter ist vollkommen
leer
rundherum liegen pizzakartons, zigarettenschachteln und ein kondom
der müllbehälter ist großzügig
er zieht alles an, was übrigbleibt wie
ein magnet

und eine ordnende Hand
wird es richten
ich weiß es genau und verschwende keinen gedanken an den müll
vergesse auch die grillstätten mit ihren
brandflecken auf dem rasen
teppich

all die brandflecken
wachsen wieder zu

als stadtkind brauche ich
keinen garten
ich habe den park
und den leisen spott der stare

© Ulrike Blatter 2012

Mittwoch, 21. September 2011

Zerstreuung

Zerstreuung


Wenn ich nicht schreibe
Zerstreuen sich meine Gedanken

Ausgestreut liegen Worte dort
Verstreut wie Pfefferkörner

Eckschalige Schutzhülle
Verbirgt
Ungeschrotete Schärfe

Wovor fürchte ich mich?

Schrotkörner durch die Mühle gedreht
Verwandelt
Zu wortwürziger Schärfe

Zerstreut betrachte ich die Worte dort
Sie zielen auf mich wie Schrot

Ich glaube am meisten fürchte ich
Zu glauben, was ich schreibe


© Ulrike Blatter

Donnerstag, 4. August 2011

GLÜCK



Heut zieh ich das Glück an
wie ein Kleid
und keine Tränen mehr
außer denen
die mir glücken
keine Tränen
außer denen
die mich schmücken

Und halten werde ich nichts mehr
nichts und niemand
denn alles fällt mir zu
alles
und wenn auch das Kleid
in Fetzen hängt
nie
vergess’ ich
niemals
wie schön ich bin
tief
in mir
drin


kleine Anmerkung zum Foto: bei einem Spaziergang durch Rovinj begegneten Django und ich einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft - übrigens ein deutsches Paar, das extra zur Trauung nach Kroatien gefahren war! Wir waren zwar nicht eingeladen, aber trotzdem - wie man sieht - herzlich willkommen!

© Ulrike Blatter      

Freitag, 22. April 2011

Drei Tage


Drei Tage

Gesetzt den Fall

Sein Geburtstag war tatsächlich im Dezember
Und zwar am vierundzwanzigsten Tage
Dann war er
Als er starb
Dreißig Jahre alt und drei
Und ein beginnendes
Frühjahr


Obwohl gemessen
An der damals üblichen Lebenserwartung
Man schätzt etwa vierzig Jahre
Durchaus in gesetzem Alter
Zeigte er zeitlebens
Eine gewisse
Unreife 

Zu sehr schien er fixiert
Auf eine archaisch-allmächtige
Vaterfigur
Und man schüttelt den Kopf
Über solche
die es vorziehen
zu sterben

Zu sterben für
eine abstrakte Idee
Wie das Himmelreich
Oder die Gleichheit
Die Freiheit oder was auch immer
Man fragt sich: kann man Freiheit essen?
Oder Gleichheit oder das Himmelreich?


Als sie ihn Freitag Abend ins Grab legten
verbanden sie ihm den geschwätzigen Mund mit Tüchern
und als sie den Stein an seinen Platz rollten
stand die Dunkelheit um ihn wie klares dunkles Glas

kein Gedanke
kein Atem
kein Wort
nur Dunkel und Klarheit        

Die Wunden trockneten
Da war keine Kraft eine Narbe zu bilden
aber zwischen dem elenden Leben, das ums Verrecken nicht vom Körper lassen wollte
zwischen diesem Todeskrampf und der Verwesung
stand diese kurze Zeitspanne
voller Ruhe
Schweigen
und kein lästiger Gedanke störte
diesen Frieden

Da war nichts
absolut nichts 
und es war gut so

Da aber drang die Stimme in seine mit Blut und Wundwasser gefüllten Gehörgänge
zudringlich plärrte diese Stimme: Steh Auf!
Und er lag dort, eingeschlagen in weiße Leinentücher
regungslos, sauber verschnürt wie ein beliebiger länglicher Gegenstand
er war tot
bald schon würde die Verwesung beginnen
die Sauberkeit der Leinenbinden mit eklen Ausdünstungen durchtränken
das Fleisch würde von seinen Knochen fallen
ein Gräuel wäre er den Menschen
weswegen sie ihn verstecken mussten
ihn verbannten in das Dunkel
sogar einen schweren Stein vor das Dunkel rollten
auf dass er verborgen bliebe

Lass es genug sein, dachte er
Dachte er es?
Oder knirschte er es zwischen mit Binden zusammengepressten Kiefern hervor?
Die Wächter draußen hörten nichts

Und er sprach:
Das Dunkel stand wie klares Glas um mich
Ich spürte Frieden
Ich sage nicht: zum ersten Mal in meinem Leben
das Leben ist unzweifelhaft für mich vorbei
aber habe ich nicht im Leben gebrannt für dich?
Habe ich nicht den Kelch getrunken bis zur Neige?
Habe ich nicht das Kreuz geschleppt bis nach Golgatha
winselnd vor Durst und Schmerzen?
Ich tat all dies
Lass es nun genug sein
Ich war ein guter Sohn und pflichtbewusst
Was willst du noch von mir?

Da wurde es warm
Wie eine Hülle stand Wärme um ihn
trotz
Grabeskälte
Er aber blieb stumm und starr
das war der erste Tag.

Und die Stimme lärmte wieder
Wie Trompeten und Posaunen stand sie verzerrt im Raum: Steh Auf!
Und er sagte, tonlos sprach er
Habe ich nicht die Hungernden gespeist?
Sogar Tote erweckte ich in deinem Namen
Immer habe ich Gutes getan
vom Morgen bis zum Einbruch der Nacht
Gutes getan in deinem Namen.
Lass es gut sein, ruf einen anderen
Ich bin müde

Aber die Stimme ließ nicht locker
Sie sprach: wenn du jetzt nicht aufstehst, und hast doch Tote zum Leben erweckt
dann bist du nichts als ein Arzt, der heilt, aber selber niemals krank war
Ein Scharlatan bist du, ein Blender. Steh Auf!
Und gab ihm den Herzschlag zurück
Es durchfuhr ihn wie ein fürchterlicher Schrecken
bis hinunter in die Zehenspitzen
und die Haare sträubten sich ihm vor Entsetzen
Was, sagte er, was habe ich Lazarus nur angetan?
Und sein Körper wand sich in den Schlingen und Binden
aber er stand nicht auf
er flehte um Kälte und Dunkel und Frieden
Das war der zweite Tag

Aber die Stimme gab immer noch keine Ruhe
Sioe trompetete nicht mehr
nun flüsterte sie
und dieses Flüstern war schlimmer als alles Lärmen
es fuhr ihm ins Gebein, zwängte sich zwischen festgezurrte Binden
und löste sie wie ein beständiger Wüstenwind
der alles löst, was gebunden wurde
Und er klagte
Lass mich, ich habe genug getan
Ich habe gepredigt und in deinem Namen die Aussätzigen geheilt

Aber die Stimme hohnlachte und fragte
hast du es nicht erkannt:
du selber bist der Aussatz
Ich, dein Vater, habe dich ausgesetzt auf die Schwelle dieser Welt
ausgesetzt bist du vom Tag deiner Geburt an
eine schwärende Wunde bist du, die an ihnen frisst
ein Krebsgeschwür, das dich hässlich macht in ihren Augen
und das Hässliche schaffen sie beiseite
sie verbannen es vor ihre Stadtmauern, ja sie töten es
Du aber wirst wiederkommen
Der Ausgesetzte wird sich zeigen mitten unter ihnen
und sie werden ihre Hände in seine Wunden legen und heil werden

Und wenn ich nicht will, fragte er
aber es war kein Wille in ihm
nichts war in ihm und er wurde zum Gefäß
Die Stimme tönte und redete sich in Begeisterung und sprach

Sie werden ihre Tore öffnen und die Leprösen und Ausgestoßenen hineinlassen
sie werden sie betasten und in ihre Arme schließen
dein Beispiel wird es ihnen zeigen

Sie werden be-greifen

Sie werden glauben

Und es wurde ihm ein heißer Atem ins Nasenloch geblasen
Es war ihm unangenehm
Und er regte sich, zuckte zurück vor der bedrängenden Nähe des Vaters
Er wand sich zur Seite wie ein Wurm
Und Wärme floss in ihm
schmerzlich nahm er sich selber wahr
er wurde geboren, er litt, er starb und fand keine Ruhe
keine Ruhe fand er vor sich selber seinem Gott und Vater
voll Schmerz war diese Rückkehr und voller Wehmut

Die dunkle Kälte wich zögernd zurück
leise stand sie in den Winkeln der Grabhöhle
verlegen ob ihrer Schwäche
starr wie schönes totes Glas
So bleib doch, flüsterte die Kälte
Unhörbar sprach sie mit erstarrenden Lippen
Aber es blieb ihm keine Wahl

Schon rollte der Engel den Stein hinweg und gleißendes Morgenlicht fiel über die Schwelle

Spürst du es jetzt, fragte die Stimme
und die Wächter sanken ohnmächtig zu Boden

Spürst du es jetzt endlich: Leben ist Versuchung

Und während er die Binden abstreifte
riss die Wunde an seiner Seite wieder auf
und das Wasser floss an ihm herab
Er drückte einen Leinenstreifen dagegen und blinzelte in die Sonne

Ja, sagte er, ich werde es versuchen.


©Ulrike Blatter 
Erstveröffentlichung in „Christ in der Gegenwart“, Herder Verlag
Nächste Lesung im Rahmen eines Orgelkonzertes in der Bergkirche Büsingen
am 3. Juli 2011

Dienstag, 12. April 2011

die kunst des langsamen schrittes


die kunst
des langsamen schrittes
vorbei an den grinsenden
gesichtern der uhren
und den bleckenden
kalenderzähnen

die kunst des atmens
vor allem



4. Preis Verband kath. Schriftsteller Österreichs
© Ulrike Blatter   

heute habe ich den ersten Kuckuck gehört


Gegensatz

Der Kuckuck
Weit hergeholt
Aus anderen Kontinenten
Überzeugt vom Evolutionsvorteil
Des Single-Daseins
Jeder Tag versinkt
In der Süße des Augenblicks

Abends jedoch
Sehnt er sich
Nach der Kargheit
Eines nördlichen Horizonts
Mit zaghafter Feder
Hingewischte Baumkronen
Mit schwankenden Nestern darin


© Ulrike Blatter     

Montag, 11. April 2011

Musenbiss


An das Publikum

Ich erbitte eure Nachsicht
Für die Wahl der Themen
Und auch die Worte
Kommen mir manchmal sperrig daher.

Aber Pegasus trägt mich nicht mehr
Und der fliegende Teppich hat Flicken
Eifrig schreibe ich trotzdem noch mehr
Obwohl meine Reime hinken.

Allein die Muse, die schwesterlich vertraute
Sie, nur sie blieb mir immer nah
Herzhaft lachend sie Brücken baute
Wo ich nur ins Finstere sah.

Doch dieses Weib mit dem großen Busen
Die schleicht sich heran mit List
Hat nichts im Sinn mit Küssen und Kosen
Ihr Gruß ist ein schmerzhafter Biss.

Nun sagt selbst: was soll ich nur machen
Wenn mich die Muse will beißen?
Mal möcht ich einfach nur drüber lachen
Mal drauf  ...   

©Ulrike Blatter