Drei Tage
Gesetzt den Fall
Sein Geburtstag war tatsächlich im Dezember
Und zwar am vierundzwanzigsten Tage
Dann war er
Als er starb
Dreißig Jahre alt und drei
Und ein beginnendes
Frühjahr
Obwohl gemessen
An der damals üblichen Lebenserwartung
Man schätzt etwa vierzig Jahre
Durchaus in gesetzem Alter
Zeigte er zeitlebens
Eine gewisse
Unreife
Zu sehr schien er fixiert
Auf eine archaisch-allmächtige
Vaterfigur
Und man schüttelt den Kopf
Über solche
die es vorziehen
zu sterben
Zu sterben für
eine abstrakte Idee
Wie das Himmelreich
Oder die Gleichheit
Die Freiheit oder was auch immer
Man fragt sich: kann man Freiheit essen?
Oder Gleichheit oder das Himmelreich?
Als sie ihn Freitag Abend ins Grab legten
verbanden sie ihm den geschwätzigen Mund mit Tüchern
und als sie den Stein an seinen Platz rollten
stand die Dunkelheit um ihn wie klares dunkles Glas
kein Gedanke
kein Atem
kein Wort
nur Dunkel und Klarheit
Die Wunden trockneten
Da war keine Kraft eine Narbe zu bilden
aber zwischen dem elenden Leben, das ums Verrecken nicht vom Körper lassen wollte
zwischen diesem Todeskrampf und der Verwesung
stand diese kurze Zeitspanne
voller Ruhe
Schweigen
und kein lästiger Gedanke störte
diesen Frieden
Da war nichts
absolut nichts
und es war gut so
Da aber drang die Stimme in seine mit Blut und Wundwasser gefüllten Gehörgänge
zudringlich plärrte diese Stimme: Steh Auf!
Und er lag dort, eingeschlagen in weiße Leinentücher
regungslos, sauber verschnürt wie ein beliebiger länglicher Gegenstand
er war tot
bald schon würde die Verwesung beginnen
die Sauberkeit der Leinenbinden mit eklen Ausdünstungen durchtränken
das Fleisch würde von seinen Knochen fallen
ein Gräuel wäre er den Menschen
weswegen sie ihn verstecken mussten
ihn verbannten in das Dunkel
sogar einen schweren Stein vor das Dunkel rollten
auf dass er verborgen bliebe
Lass es genug sein, dachte er
Dachte er es?
Oder knirschte er es zwischen mit Binden zusammengepressten Kiefern hervor?
Die Wächter draußen hörten nichts
Und er sprach:
Das Dunkel stand wie klares Glas um mich
Ich spürte Frieden
Ich sage nicht: zum ersten Mal in meinem Leben
das Leben ist unzweifelhaft für mich vorbei
aber habe ich nicht im Leben gebrannt für dich?
Habe ich nicht den Kelch getrunken bis zur Neige?
Habe ich nicht das Kreuz geschleppt bis nach Golgatha
winselnd vor Durst und Schmerzen?
Ich tat all dies
Lass es nun genug sein
Ich war ein guter Sohn und pflichtbewusst
Was willst du noch von mir?
Da wurde es warm
Wie eine Hülle stand Wärme um ihn
trotz
Grabeskälte
Er aber blieb stumm und starr
das war der erste Tag.
Und die Stimme lärmte wieder
Wie Trompeten und Posaunen stand sie verzerrt im Raum: Steh Auf!
Und er sagte, tonlos sprach er
Habe ich nicht die Hungernden gespeist?
Sogar Tote erweckte ich in deinem Namen
Immer habe ich Gutes getan
vom Morgen bis zum Einbruch der Nacht
Gutes getan in deinem Namen.
Lass es gut sein, ruf einen anderen
Ich bin müde
Aber die Stimme ließ nicht locker
Sie sprach: wenn du jetzt nicht aufstehst, und hast doch Tote zum Leben erweckt
dann bist du nichts als ein Arzt, der heilt, aber selber niemals krank war
Ein Scharlatan bist du, ein Blender. Steh Auf!
Und gab ihm den Herzschlag zurück
Es durchfuhr ihn wie ein fürchterlicher Schrecken
bis hinunter in die Zehenspitzen
und die Haare sträubten sich ihm vor Entsetzen
Was, sagte er, was habe ich Lazarus nur angetan?
Und sein Körper wand sich in den Schlingen und Binden
aber er stand nicht auf
er flehte um Kälte und Dunkel und Frieden
Das war der zweite Tag
Aber die Stimme gab immer noch keine Ruhe
Sioe trompetete nicht mehr
nun flüsterte sie
und dieses Flüstern war schlimmer als alles Lärmen
es fuhr ihm ins Gebein, zwängte sich zwischen festgezurrte Binden
und löste sie wie ein beständiger Wüstenwind
der alles löst, was gebunden wurde
Und er klagte
Lass mich, ich habe genug getan
Ich habe gepredigt und in deinem Namen die Aussätzigen geheilt
Aber die Stimme hohnlachte und fragte
hast du es nicht erkannt:
du selber bist der Aussatz
Ich, dein Vater, habe dich ausgesetzt auf die Schwelle dieser Welt
ausgesetzt bist du vom Tag deiner Geburt an
eine schwärende Wunde bist du, die an ihnen frisst
ein Krebsgeschwür, das dich hässlich macht in ihren Augen
und das Hässliche schaffen sie beiseite
sie verbannen es vor ihre Stadtmauern, ja sie töten es
Du aber wirst wiederkommen
Der Ausgesetzte wird sich zeigen mitten unter ihnen
und sie werden ihre Hände in seine Wunden legen und heil werden
Und wenn ich nicht will, fragte er
aber es war kein Wille in ihm
nichts war in ihm und er wurde zum Gefäß
Die Stimme tönte und redete sich in Begeisterung und sprach
Sie werden ihre Tore öffnen und die Leprösen und Ausgestoßenen hineinlassen
sie werden sie betasten und in ihre Arme schließen
dein Beispiel wird es ihnen zeigen
Sie werden be-greifen
Sie werden glauben
Und es wurde ihm ein heißer Atem ins Nasenloch geblasen
Es war ihm unangenehm
Und er regte sich, zuckte zurück vor der bedrängenden Nähe des Vaters
Er wand sich zur Seite wie ein Wurm
Und Wärme floss in ihm
schmerzlich nahm er sich selber wahr
er wurde geboren, er litt, er starb und fand keine Ruhe
keine Ruhe fand er vor sich selber seinem Gott und Vater
voll Schmerz war diese Rückkehr und voller Wehmut
Die dunkle Kälte wich zögernd zurück
leise stand sie in den Winkeln der Grabhöhle
verlegen ob ihrer Schwäche
starr wie schönes totes Glas
So bleib doch, flüsterte die Kälte
Unhörbar sprach sie mit erstarrenden Lippen
Aber es blieb ihm keine Wahl
Schon rollte der Engel den Stein hinweg und gleißendes Morgenlicht fiel über die Schwelle
Spürst du es jetzt, fragte die Stimme
und die Wächter sanken ohnmächtig zu Boden
Spürst du es jetzt endlich: Leben ist Versuchung
Und während er die Binden abstreifte
riss die Wunde an seiner Seite wieder auf
und das Wasser floss an ihm herab
Er drückte einen Leinenstreifen dagegen und blinzelte in die Sonne
Ja, sagte er, ich werde es versuchen.
©Ulrike Blatter
Erstveröffentlichung in „Christ in der Gegenwart“, Herder Verlag
Nächste Lesung im Rahmen eines Orgelkonzertes in der Bergkirche Büsingen
am 3. Juli 2011